Ein Beitrag von: Mag. Evelyn Dechant-Tucheslau
Leseförderung als Motor für Unterrichts- und Personalentwicklung
Lesen ist weit mehr als eine Kulturtechnik – es ist die zentrale Voraussetzung für erfolgreiche Bildungswege. Wer Texte sicher entschlüsseln, verstehen und kritisch einordnen kann, hat bessere Chancen, Lerngelegenheiten in allen Fächern zu nutzen und erwirbt über die Schule hinaus eine Kompetenz fürs Leben. Der Deutschunterricht allein kann diese Leistung heutzutage nicht mehr erbringen. Es braucht eine gesamtschulische Leseförderung, die von allen Lehrpersonen eines Standorts im Rahmen ihres Unterrichts getragen wird. Damit wird Lesen zum Motor für Unterrichts- und Personalentwicklung an Schulen.
Warum Leseförderung alle Fächer betrifft
Studien wie die von Goy, Valtin & Hußmann zum Thema Leseselbstkonzept, Lesemotivation, Leseverhalten und Lesekompetenz (2017) zeigen, dass Lesekompetenz eng mit fachlichen Leistungen verknüpft ist: Wo Schülerinnen und Schüler gut lesen, schneiden sie auch in den sogenannten MINT-Fächern besser ab. Umgekehrt verstärken Leseschwierigkeiten Bildungsungleichheiten – besonders bei Kindern aus bildungsbenachteiligten Familien. Wenn Schulen Leseförderung konsequent in den Mittelpunkt stellen, verbessern sie deshalb nicht nur „Deutsch“, sondern die Lernchancen der gesamten Schülerschaft.
Leseförderung ist damit eine klassische Querschnittsaufgabe: Sie betrifft alle Fächer, alle Schulstufen und das gesamte Kollegium. In einem sprachsensiblen Unterricht wird jedes Fach zur Lernumgebung, in der Lesestrategien eingeübt, Texte verstanden und Fachsprache gemeinsam aufgebaut werden. Genau hier entstehen Synergien zwischen Unterrichts‑ und Schulentwicklung.
Von Einzelprojekten zu gemeinsamer Entwicklungsarbeit
Viele Schulen kennen punktuelle Leseförderung: eine Lesewoche, eine Autorenlesung, ein Projekt in einer Klasse. Solche Aktionen können motivierend sein, bleiben aber oft ohne nachhaltige Wirkung, wenn sie nicht in eine gemeinsame Strategie eingebettet sind. Empirische Arbeiten zur Leseförderung betonen, dass es sowohl ein reichhaltiges Methodenrepertoire als auch eine geteilte pädagogische Haltung braucht.
Das bedeutet konkret:
- ein gemeinsames Verständnis von Lesekompetenz und Lesemotivation im Kollegium,
- abgestimmte Diagnoseinstrumente (z. B. Lesetests, Beobachtungskriterien),
- verbindliche Vereinbarungen, wie in allen Fächern mit Texten gearbeitet wird,
- transparente Förderkonzepte für unterschiedliche Leistungsniveaus.
Formate wie professionelle Lerngemeinschaften, Teamteaching oder schulinterne Fortbildungsreihen verbinden diese Elemente mit laufender Unterrichtsentwicklung. Lehrkräfte erproben neue methodische Zugänge, werten Erfahrungen gemeinsam aus und entwickeln Schritt für Schritt ein schulweites Lesekonzept.
Personalentwicklung: Leseförderung als Professionalisierungstreiber
Wo Schulen Leseförderung ernst nehmen, entsteht automatisch Bedarf nach gezielter Professionalisierung: Wie diagnostiziere ich Lesekompetenzen? Wie arbeite ich mit schwächeren Leserinnen und Lesern heterogen? Wie fördere ich Motivation, ohne nur „zu belohnen“? Dazu braucht es einerseits die entsprechende Fortbildung – an Pädagogischen Hochschulen wie schulintern – und andererseits die systematische, strukturierte Weitergabe und Verstetigung des erworbenen Wissens im ganzen Kollegium. Die Möglichkeiten sind vielfältig: von Multiplikatorinnen, Multiplikatoren und Buddys über kollegiale Hospitationen hin zu gewidmeten Konferenzen und pädagogischen Tagen sowie einem lebendigen Wissensmanagement-System.
Damit wächst Leseförderung direkt in die Personalentwicklung hinein:
- Fortbildung wird nicht als einmalige Veranstaltung verstanden, sondern als kontinuierlicher Prozess mit Praxisbegleitung.
- Lehrkräfte arbeiten in Fachgruppen und Jahrgangsteams an gemeinsamen Zielen und reflektieren ihre Rolle als Lese‑Vorbild, Lernbegleitung sowie Diagnostikerinnen und Diagnostiker.
- Schulen verankern Leseförderung in Leitbild, Qualitätsentwicklung und Jahresplanung – und machen sie damit zum Bestandteil professioneller Schulidentität.
Leseförderung wird so zum Anlass, über Unterrichtsqualität insgesamt zu sprechen: über Aufgabenformate, Feedbackkultur, Binnendifferenzierung und Lernzeiten. Sie öffnet einen Raum, in dem Kolleg*innen sich fachlich austauschen, voneinander lernen und gemeinsam wachsen – Kernanliegen jeder strategischen Personalentwicklung.
Motivation und Selbstkonzept im Blick
Besonders deutlich zeigen Studien die Rolle von Lesemotivation und Leseselbstkonzept: Wer sich als kompetente Leser*in erlebt und Freude am Lesen hat, liest häufiger – und wird dadurch langfristig besser. Erfolgreiche Schul‑ und Unterrichtsentwicklung im Bereich Lesen arbeitet deshalb nicht nur an Technik und Strategien, sondern gezielt an Motivation und Selbstbild der Kinder und Jugendlichen.
Das gelingt vor allem dann, wenn
- Schülerinnen und Schüler passende, interessante Texte finden,
- sie Wahlmöglichkeiten haben und eigene Lesewege entwickeln können,
- sie regelmäßige Erfolgserlebnisse und konstruktives Feedback erhalten. Auch hier sind Lehrkräfte entscheidend: Ihre Haltung zu Fehlern, ihr Umgang mit Leistungsunterschieden und ihre eigene Lesebiografie prägen die Lernkultur im Klassenzimmer wesentlich mit.
Leseförderung strategisch denken
Wenn Schulen Leseförderung strategisch anlegen, entsteht ein mehrfacher Gewinn: Schülerinnen und Schüler gewinnen Zugang zu Bildung und Teilhabe, Unterricht wird fachlich und sprachlich anspruchsvoller – und Lehrkräfte entwickeln ihre professionelle Kompetenz im Team weiter. Leseförderung ist dann nicht mehr „ein Projekt“, sondern ein langfristiger Entwicklungsweg, auf dem Unterrichts‑ und Personalentwicklung Hand in Hand gehen. Aus diesem Grund haben wir zusätzlich das LERCHE-Lesereferent*innen-Programm entwickelt. Als LERCHE Lesereferent*in sind Sie Ansprechperson für Leseförderung an Ihrer Schule – und Teil eines österreichweiten Netzwerks an Lehrkräften und weiteren Bildungsexpert*innen, dass Lesekultur lebendig macht.
Genau hier setzt der JUNGÖSTERREICH Bildungsmedienverlag mit seiner Initiative LERCHE Leseschule an: Leseförderung wird nicht mit einem isolierten Materialpaket als Einzelmaßnahme betrieben, sondern als mehrjähriger, professionell begleiteter Schulentwicklungsprozess verstanden. Mit einem fachlich fundierten Lesekonzept, diagnosebasierten Instrumenten, digitalen Lehr- und Lernmaterialien sowie einer strukturierten Schulentwicklungsberatung unterstützt die LERCHE Leseschule dabei, Leseförderung strategisch im Unterricht, im Kollegium und in der Qualitätsentwicklung zu verankern. Die Kombination aus Unterrichtsentwicklung, gezielter Professionalisierung und systematischer Begleitung über drei Jahre schafft nachhaltige Wirkung – für Schülerinnen und Schüler ebenso wie für Lehrpersonen und Schulleitungen. Wie dieser Prozess konkret gestaltet werden kann und welche Erfahrungen unsere LERCHE Leseschulen bisher gesammelt haben, stellen wir im Rahmen unseres Vortrags beim ÖSLK-Kongress vor. Wir laden Sie herzlich ein, mit uns darüber ins Gespräch zu kommen, wie Leseförderung zum Motor Ihrer Schulentwicklung werden kann.
Mag. Evelyn Dechant-Tucheslau ist selbstständig als Führungskräftecoach sowie Schulentwicklungs- und Unternehmensberaterin. Seit 25 Jahren wirkt sie in unterschiedlichen Rollen im Bildungsbereich – zunächst als Lehrerin für Deutsch und Englisch, später als Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule Wien. Im Projekt LERCHE Leseschule leitet sie das Team der Schulentwicklungsberater:innen und begleitet Schulen auch selbst vor Ort.